Liebe Gemeinde,

Ist das Glas halb voll oder halb leer? War es ein guter Sommer oder wurde es in diesem Jahr überhaupt nicht Sommer? Wie bei so vielem im Leben kommt es auf die Perspektive an. Nach den heißen und trockenen Sommern der letzten Jahre, konnte die Natur in diesem Jahr ihre Wasserreserven wieder ein bisschen auffüllen. Das ist gut. Allerdings haben viele von uns richtiges Sommerwetter vermisst. Das Wetter lud nicht gerade dazu ein, ins Freibad zu gehen oder zum Grillen einzuladen. Welche Perspektive man einnimmt, das hängt häufig davon ab, was einem gerade wichtig ist. Wollte ich diesen Sommer heiraten, dann hat mir wahrscheinlich nicht nur Corona Sorgen gemacht, sondern auch das meistens graue Regenwetter. Gucke ich von meinem Garten in einen vertrockneten Wald, freue ich mich schon eher über das feuchte Wetter. Keine der beiden Sichtweisen ist grundsätzlich falsch. Und vielleicht ist Ihnen das ja auch schon einmal aufgefallen: wenn man in einer Perspektive drinsteckt, dann kann man sehr leicht vergessen, dass man auch anders auf die Situation gucken kann. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Über Franz von Assisi wird folgende kleine Geschichte erzählt:

Franz von Assisi und Bruder Masseo trafen sich vor der Stadt zum Essen. An dem Ort entsprang eine munter plätschernde Quelle und daneben war ein breiter, schöner Stein, fast wie ein Tisch. Das gefiel den beiden sehr. Sie setzen sich und legten Brot, das sie geschenkt bekommen hatten, auf den Stein. Sie fingen an zu essen.

„O Bruder Masseo“, sagte Franz, „ich fühle mich so reich beschenkt. Dabei sind wir eines so großen Schatzes gar nicht wert.“ Diese Worte wiederholte er einige Male. Da erwiderte Bruder Masseo: „Wie kannst du von einem Schatz reden? Wenn ich uns so angucke, sehe ich Armut. Selbst jetzt gerade fehlt es uns an den nötigsten Dingen. Hier ist kein Tischtuch, kein Messer, kein Fleisch, keine Schüssel, keine Hütte, kein Tisch, kein Diener, keine Magd.“

Da sprach Franz von Assisi: „Das gerade ist es, was ich für einen großen Schatz halte: Was hier ist, ist durch Gottes Güte bereitet. Sieh doch: das Brot wurde uns geschenkt. Der Stein ist fast wie ein Tisch. Neben uns sprudelt eine klare Quelle. Ich will, dass wir dies alles lieb gewinnen von ganzem Herzen.“

War es nun ein ärmliches Mahl, das Franz von Assisi und Bruder Masseo verzehrten, oder konnten sich die beiden glücklich schätzen, ihr Brot in der schönen Natur zu essen? Auch hier eine Frage der Perspektive. Der Fokus von Franz liegt darauf, was da ist. Brot, gutes Wetter und die schöne Natur. Für ihn Geschenke Gottes. Bruder Masseo sieht eher das, was nicht da ist. Seine Sichtweise ist wahrscheinlich die verbreitetere. Wir Menschen sind Weltmeister darin, haarklein aufzuzählen, was alles besser sein könnte. Höher, schneller, weiter. Ich kann mich selbst da nicht ausnehmen. Viel interessanter ist dagegen die Perspektive von Franz von Assisi. Wahrzunehmen, was da ist und dies auch zu schätzen, ist viel schwieriger als zu nörgeln. Beide Perspektiven sind allerdings wichtig. Die Menschheit käme nicht voran, wenn es nicht Menschen gäbe, die danach streben, die Dinge besser zu machen, weiterzuentwickeln und mit Leidenschaft das zu suchen, was noch fehlt. Es ist wichtig zu sehen, wo es noch Potential nach oben gibt. Aber diese Sichtweise hat auch ihre Schattenseiten. Wann hat man genug erreicht? Wann ist man am Ziel angekommen? Deswegen ist es genauso wichtig, wenn nicht gar wichtiger, auch mal die Haben-Seite im Leben zu betrachten, sich über das zu freuen, was da ist, und es gut sein zu lassen. Daher kommt Zufriedenheit im Leben. Gerade die Dinge, die man für selbstverständlich erachtet, sind es, die man oft übersieht und nicht genug schätzt. Der Stein im Wald, der wie gemacht ist für ein Picknick. Leben in einem Land, in dem Frieden herrscht. Menschen zu haben, denen man wichtig ist. So vieles ist uns geschenkt. Es kann bereichernd sein, diese Perspektive bewusst zu suchen und sich eine Pause zu gönnen vom Streben nach mehr. Versuchen Sie es diesen Herbst doch einmal. Nehmen Sie sich Zeit, nach den großen und kleinen Geschenken in Ihrem Leben zu suchen, die Gott für Sie bereit hält. Eine reiche Bescherung wünscht Ihnen

Ihre

Johanna Leschinski