„…  unseren Liebkosungen statt gabe“

 Zur Historie der Orgeln in der Evangelischen Kirche Wickrathberg

Abb. 1:Die Fischer-Orgel.

Das Instrument in der Wickrathberger Kirche geht in seinen Ursprüngen auf den bedeutenden Orgelbauer Jacob Engelbert Teschemacher zurück. Als in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Innere der Kirche mit der noch heute erhaltenen Rokokoausschmückung versehen wurde, erhielt 1770 auch die erste Orgel zur Begleitung des Gemeindegesangs und zur musikalischen Ausgestaltung der Gottesdienste ihren Einzug. Ein lesenswerter Bericht über den Bau der Orgel findet sich im Archiv der Gemeinde:

Nachricht betrefend die Orgel

Mitten unter die größtesten baukosten, deren in der nachricht vom 18. [Decem]bris 1769 gedacht worden, durfte man auch die seltene gute gelegenheit nicht aushänden lassen, daß h[er] Teschemacher zu Elberfeld, ein wegen seiner Kunst und Treue überall berühmter Mann, unseren Liebkosungen statt gabe, und sich anheischig Machte, uns ein schönes stück von 16 register zu lieferen. Dahingegen die gemein zu Vaals, die sich etwa einen Monath später bey ihm gemeldet umb unsertwillen Drey Jahre hat warten Müssen. – Dieser Lieferte uns auch seine orgel (welche von allen kenneren besonders gepriesen wird) gegen den ausgang das Augusti 1770, daß selbige d[en] 5ten [Septem]bris an ein oredentlichen danck- und bußtage Zum erstenmahl gespielet werden konnte, bey einer dahingerichteten rede über ps[alm] 92 v[ers] 1 –7. dieses schöne werck (welches doch von kenneren noch einmahl höher geschäzet wurde) kame mit der horloge[1] [et cetera] zu stehen: 757 r[eichs]th[aler] 18 stüber, belaufdt sich aber mit bewirtigung, abholung und wegsendung der orgelmacher, welches aber herr Pastor[2], fort[3] [?] der bücher, Lantré [?] eis[en]werk, so die diaconie übernommen, über 900 r[eichs]th[aler].

Zu gedachten 757 reichstahler und 18 stüber haben die frau Excellenc Quadten 142 D[urchlauchtigsten] von Qua[dt][4] 35, der lobliche Gericht 100. die bruderen consistoriales, benamtlich Jacobus Momma, Joh[ann] Classen, Henricus Schmitz, Peter Kuhlen, Joh[ann] Schrey, Matth[ias] Syben, Laurens Janssen und Francis[cus] Krings, durch ihre collecte 201 reichsthaler 47 ½ stüber, die Jungeleute aber durch fleiß der einsamler Martin Planckerts, daniel Kamphausen, Aret Roelen, Jacobus Heinen, Joh[ann] Cremers, Joh[ann] Roelen, Matth[ias] Camp und Anton Weyermans 110½ reichsthaler beygetragen. Und nach deme herr Pastor auch die daran noch mangelnde 170 r[eichs]th[aler] 52½ st[über] ist diese rechnung heute in pleno Consistorio abgethan worden.

Geschehn Wyckrath Berg den 18ten [Decem]bris 1771 

 

Hier ist die Rede von einem „schönen stück von 16 register“, allerdings lassen sich die genaue Größe und die Disposition daraus nicht ableiten, da bei den bei Teschemacher immer vorhandenen halben Registern wahrscheinliche die Anzahl der Registerzüge gemeint war. Man kann vermuten, dass das Instrument einmanualig war und über ein angehängtes Pedal verfügte. Im Vergleich mit anderen noch erhaltenen Teschemacher-Orgeln könnten folgende Register vorgelegen haben:

Violin 8’ Cornet 3fach
Fleut travers 8’ Fagott 8’
Unda maris 8’ Trompete 8’
Prinzipal 4’ Vox humana 8’
Sesquialtera 1

 

             

Der Orgelbauer Jacob Engelbert Teschemacher (1711-1782) stammt aus Mirke bei Elberfeld/Wuppertal. Über seine Biographie lassen sich nur wenige sichere Aussagen machen, da der Bestand an schriftlichem Quellenmaterial nicht sehr umfangreich ist. Nach den Angaben seiner Sterbeurkunde war er wohl Junggeselle und man findet in seinen Briefen Hinweise auf seine enge Zugehörigkeit zum Freundeskreis um den pietistischen Mystiker Tersteegen. Er galt als karitativ engagiert, zugleich aber auch als geschäftstüchtig, was sein Orgelbauer-Handwerk angeht. Von ihm ging der Ruf aus, dass er „das Orgelmachen nicht als ein Meister um sein Brod damit zu erwerben, sondern bloß zu seiner Speculation und Vergnügen treibet.“ Dennoch hat er in seiner Werkstatt auf dem familieneigenen Hof zeitweise sechs Gesellen beschäftigt, was auf eine gewisse unternehmerische Verantwortung schließen lässt. Ein Zeitgenosse Teschemachers, der Augenarzt Jung-Stilling, charakterisierte den Orgelbauer wie folgt:

„Dieser war ein in aller Rücksicht verehrungswürdiger Mann, der nach den Grundsätzen der reinen Mystick, unverheyrathet, äußerst heickel in der Wahl des Umgangs, sehr freundlich, ernst, voll sanfter Züge im Gesicht, ruhig im Blick, und übrigens in allen seinen Reden behutsam war; er wog alle seine Worte auf der Goldwage ab, kurz, er war ein herrlicher Mann, wenn ich nur das einzige Eigensinnige ausnehme, das alle dergleichen Leute so leicht annehmen, indem sie intolerant gegen alle sind, die nicht so denken wie sie! Dieser ehrwürdige Mann saß mit seinem runden lebhaften Gesicht, runden Stutzperücke, braunen Rock und schwarzen Unterkleidern oben an; mit einer Art von freundlicher Unruh schauete er um sich, sagte auch wohl zuweilen heimliche Ermahnungsworte, denn er witterte Geister von ganz anderen Gesinnungen.“

Ein Großteil der Werke Teschemachers waren kleine Instrumente, besonders schrankförmige Positive, die als Stuben- oder Kammerorgeln eine besondere Bedeutung erlangten. Die Wickrathberger Orgel zählte zu den größeren Werken Teschemachers. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren Hausorgeln ein besonderes Statussymbol, nicht selten wurde „den Töchtern bei ihrer Heirat eine Hausorgel“ mitgegeben, in einer Zeit, als die Orgel als kirchliches Instrument von den streng calvinisischen Reformierten abgelehnt wurde. Auffällig ist die Sorgfalt, mit der er alle seine bis ins Detail durchdachten Instrumente anfertigte. Die Dispositionen sind besonders reich an sog. „Farbregistern“, so z.B. eine große Anzahl von 8’-Registern wie Violine, Unda maris, Quintadena oder Vox humana. Teschemacher baute weitere Orgeln u.a. für die ev. Kirche Wassenberg (um 1755), für die ev. Kirche Kaldenkirchen (1760), für die ev. Kirche Alpen (1782) und ein größeres Instrument für die Hervormde Kerk im niederländischen Vaals.

In den folgenden etwa zweihundert Jahren ist nichts über weitere Baumaßnahmen an der Wickrathberger Orgel bekannt, bis dann im Jahre 1891 durch die Firma Georg Stahlhut (Aachen) in das verbreiterte Gehäuse eine neue mechanische Orgel mit acht Registern auf einem Manual und angehängtem Pedal eingebaut wurde, die „durch eine einfache, sinnreiche Einrichtung [...] auf 1 Manual abwechselnd stark und schwach zu spielen [ist], fast wie auf zwei Manualen.“ Da die obere Empore mit ihrer sehr begrenzten Grundfläche zur Aufstellung eines Kirchenchores so gut wie keine Möglichkeit bot, erfolgte 1906, wiederum durch die Firma Stahlhut, die Umstellung der Orgel auf pneumatische Funktion (Kegelladen), um den Spieltisch auf der unteren Empore aufstellen zu können. Gleichzeitig wurde der Registerbestand auf zwölf Stimmen, nun verteilt auf zwei Manuale und freies Pedal, erweitert. Die vorhandenen Register gelangten mit Ausnahme eines Bordun 16’ wieder zum Einbau.

Die Disposition der Stahlhut-Orgel (1906):

I. Manual II. Manual Pedal
1. Prinzipal 8’ 1. Gedackt 8’ 1. Subbass 16’
2. Harmonieflöte 8’ 2. Geigenprinzipal 8’ 2. Gedackt 8’ (aus II,1)
3. Salicional 8’ 3. Aeoline 8 ’ 3. Salicett 8’ (aus I,3)
4. Oktavflöte 4’  4. Vox coelestis  
5. Mixtur 3fach 5. Flöte 4’  
6. Trompete 8’    

      Koppeln: II/I, I/P, II/P, Suboktavkoppel II/I

Nach dem Zweiten Weltkrieg häuften sich die Klagen über die Funktionstüchtigkeit der Orgel. So heißt es in einem Gutachten der Firma Walcker, Ludwigsburg, die das Instrument damals wartete, im Jahre 1951:

„Die Orgel […] stellt eine Art Versuchsobjekt auf dem Gebiet der pneumatischen Funktion dar, die in jener Zeit in ihren ersten Anfängen steckte. Mit ihren zu engen und zu langen Rohrleitungen und einer völlig unzureichenden Windversorgung der Spieltischapparate gibt die Orgel Veranlassung zu dauernden Klagen, da die Töne ausbleiben und sehr unzuverlässig sind. […] Ferner ist nach den heutigen Erkenntnissen der klangliche Aufbau des Werkes völlig veraltet. Beim ersten Anblick der Orgel vermutet man hinter dem prächtigen Barockgehäuse eine klare und durchsichtige Orgel. Man findet aber ein hochromantisches Werk, einseitig, und ungeeignet zur stilgerechten Darstellung alter und neuerer Orgelmusik.“

Das Presbyterium der Gemeinde entschloss sich deshalb 1952 zu einem vollständigen Neubau, mit dem die Orgelbauwerkstatt Willi Peter (Köln) betraut wurde.

Die Disposition der Peter-Orgel (1953):

I. Manual II. Manual Pedal
1. Holzflöte 8’ 1. Singend gedeckt 8’ 1. Subbass 16’
2. Prinzipal 4’ 2. Rohrflöte 4’ 2. Prinzipalbass 8’
3. Spillpfeife 2’ 3. Prinzipal 2’ 3. Rohrpommer 4’
4. Mixtur 1 1/3 4. Sifflöte 2’ 4. Rauschpfeife 3fach
5. Trompete 8’ 5. Terzzimbel 3fach  

     Koppeln: II/I, I/P, II/P

Auch dieses Instrument stand hinter dem verbreiterten Teschemacher-Prospekt und erklang zum ersten Mal am 3. Mai 1953 in einer kirchenmusikalischen Feierstunde. Die Orgel wurde ganz im Geiste der sog. „Orgelbewegung“ konzipiert, in der das barocke Klangideal favorisiert wurde. Dies bedeutete eine rein mechanische Spiel- und Registertraktur und Aufhellung des Orgelklanges mit hellen Mixturen und Zimbeln. Mit diesen theoretischen Erkenntnissen konnten jedoch damals die praktischen Erfahrungen vieler Orgelbaufirmen noch nicht mithalten. Ungewohnt, mechanische Schleifladen, Registeranlagen und Spieltrakturen zu bauen, stellten sich bei diesen Orgeln schon bald vielfältige Schwierigkeiten ein.

„Klanglich und technisch präsentiert sich dieses Instrument heute in einem wenig überzeugenden Zustand. Die Windversorgung ist nicht ausreichend, was sich insbesondere beim vollgriffigen Spiel mit vollem Werk störend bemerkbar macht. Die mechanische Spieltraktur mit den damals verbreiteten Nylonseilen – ein Verfahren, das sich nicht bewährt hat – ist inzwischen ausgeleiert, trotzdem muß die Spielart als zäh bezeichnet werden, was sich bei gekoppelten Manualen noch weitaus störender bemerkbar macht.“

So heißt es im Oktober 1989 in einem Gutachten. Das Presbyterium wurde sich seiner kulturellen Verpflichtung und der einmaligen Chance bewusst, eine bedeutende Orgel in der Wickrathberger Kirche wieder Gestalt gewinnen zu lassen. Das neue Instrument sollte sowohl in seiner äußeren Form (Gehäuse und Prospekt) als auch von seiner Klanggestaltung her einem Teschemacher-Instrument entsprechen.

Der Orgelbaumeister Lukas Fischer (Rommerskirchen) wurde mit dem Neubau beauftragt. Er hat für die Disposition der Wickrathberger Orgel die beiden 1770 bzw. 1772 geplanten Teschemacher-Orgeln von Essen-Werden (heute Kapellen) und Alpen zum Vergleich herangezogen, die eine für Teschemacher ganz typische Klanggestaltung hatten. Für die Wickrathberger Orgel konnte eine ähnliche Registerfolge angenommen werden.

Abb. 2: Blick auf die Orgelempore mit dem verbreiterten
Gehäuse und den Verbindungsbögen zum Gewölbe.

Fischer schlug folgendes Konzept vor, in dem der Wunsch der Gemeinde und ihrer Organisten nach einer Orgel mit zwei Manualen und Pedal aufgenommen wurde:

 „Entfernung der Gehäuseerweiterungen von Stahlhut mit den anschließenden Verbindungsbögen zum Gewölbe, Rekonstruktion des ursprünglichen Gehäuses in Verbindung mit dem vorhandenen Prospekt. Darin Hauptwerk mit einer Disposition nach den Prinzipien Teschemachers. Im Untergehäuse Gebläseanlage mit Keilbalg und Kanaltremulant. Ein zweites Manual mit 3 Registern und einem Subbaß 16’ (Pedal) werden gemeinsam in einem separaten flachen Gehäuse hinter dem Hauptwerk untergebracht.“

Abb. 3: Der Spieltisch.

Die Disposition der Fischer-Orgel („Hommage à Teschemacher“), in Anlehnung an die Teschemacher-Orgeln in Alpen und Kapellen (1990):

I. Manual II. Manual Pedal
1. Principal 4’ 1. Hohlfleut 8’ 1. Subbass 16’
2. Bordun 8’ B/D 2. Nachthorn 4’  
3. Violin 8’ Discant 3. Flageolet 2’  
4. Quintadena 8’ B/D    
5. Fleut travers 4’    
6. Unda maris 8’ Discant    
7. Quinta    
8. Oktava 2’    
9. Sesquialter 2fach Bass    
10. Cornet 3fach Discant    
11. Mixtur 3fach    
12. Trompete 8’ B/D    
13. Vox humana 8’ Discant    
Tremulant    

Abb. 4: Blick in das Hauptwerk.

Abb . 5: Ansicht der stummen 2’-Pfeifen im unteren  Teil des Prospektes.

In dem Doppelprospekt finden wir oben die originalen Zinnpfeifen des Principal 4’ von Teschemacher mit den charakteristischen zungenförmigen Unterlabien an den Mittelpfeifen, auf der unteren Eben die stumme Pfeifen auf 2’-Basis. So stellt das heutige Instrument mit seinen schönen Maßverhältnissen und klanglicher Raffinesse wahrhaft eine „Hommage à Teschemacher“ dar.

Literatur:

Oehm, Hans-Joachim: Jacob Engelbert Teschemacher, ein pietistischer Orgelbauer im Wuppertal des 18. Jahrhunderts, in: Neue Beiträge zur Musikgeschichte der Stadt Wuppertal, herausgegeben von Joachim Dorfmüller, Verlag Merseburger Berlin 1981.

 

Abbildungsnachweis:

Alle Fotos Jens Ebmeyer

 

Jens Ebmeyer

Kirchenmusiker der Ev. Kirchengemeinde

Wickrathberg

41189 Mönchengladbach

 

Blick vom Orgeltisch auf die Kanzel und den Chor (Foto Klaus Krüner)

 


 

[1] frz.: Uhr

[2] Pastor Johann Heinrich Bachoven

[3] im Sinne von „und“

[4] Graf Wilh. Otto Friedrich von Quadt

 

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