 |
Chronik
von
Michael Marx: Das Kirchdorf Wickrathberg

Folgende Themen stehen zur Auswahl bereit.
Literaturhinweise
Eine Übersicht zur Baugeschichte der letzten Jahrhunderte der
Kirche, zusammengestellt von Peter Hörchens finden Sie
hier.
Wickrathberg am Oberlauf der
Niers

Die
Niersregion, ein Gebiet, das der ca. 110 km lange Nebenfluss der Maas prägt,
ist seit über 5000 Jahren regelmäßig besiedelt. Bevor der Braunkohleabbau für
eine ganzjährige Zähmung ihrer mitunter für den Menschen bedrohlichen
Wassermassen sorgte, bevorzugten die Menschen oberhalb der Talauen liegende
Siedlungsplätze. Im
südlichen Mönchengladbacher Stadtbezirk Wickrath entstanden nach ausgiebigen
Rodungen (vgl. gleichzeitig entstandenen Ortsnamen auf -rath wie Beckrath,
Anrath, Grefrath u.a.) im heutigen Ort Wickrath und in Wickrathberg je eine
Kirche. Der Grund
für zwei Kirchensprengel auf einer Distanz von nur 3km lag an der Grenzfunktion
des in Ufernähe von Sumpf und Morast geprägten Flusses. Im Wickrather Raum
bildete die Niers die Grenze zwischen dem Bistum Lüttich und dem Erzbistum Köln. Zwischen
1200 und 1205 ließ der Bischof von Lüttich auf seinem links der Niers liegenden
Diözesangebiet Salvator eine Kirche weihen. Diese im Barock reichlich
ausgeschmückte, später Sankt Antonius geweihte Kirche im Wickrather Ortszentrum
fiel 1945 einem Bombenangriff zum Opfer. Um so
wichtiger ist für die Stadt und Region Mönchengladbach der kulturgeschichtliche
Wert der bislang erhaltenen Wickrathberger Kirche, die einst dem Kölner
Erzbischof unterstand. In letzter Zeit sind Bauschäden in einem solchen Ausmaß
aufgetreten, dass eine ebenso energische wie kostspielige Restaurierung
unaufschiebbar ist.
zum Seitenanfang
Die Mitte des Dorfes
Durch ein
natürliches Gefälle lassen sich in Wickrathberg ein Unter- und ein Oberdorf
unterscheiden. Während eine markante Mühle das Unterdorf architektonisch prägt,
thront im Oberdorf die fast 800 Jahre alte Kirche. Ob bei Dorffesten oder bei
Gedenkveranstaltungen - die Kirche ist der geistliche und geistige Mittelpunkt. 1945 -
Wickrathberg lag am Rand eines rheinischen Kriegsgefangenenlagers - bot sich dem
Besucher ein Blick vom Kirchturm auf das Elend der besiegten Soldaten, 1988
gedachte man hier der Zerstörung der ca. 200m unterhalb gelegen Synagoge im Jahr
1938. Seit Mitte der neunziger Jahren setzt die Kirchengemeinde mit einem
„liturgischen Bußgang“ einen Akzent gegen den Wegfall des traditionellen „Buß-
und Bettags“ als offiziellem Feiertag am dritten Mittwoch im November. Während
eine dritte Gruppe von Anfang an in der Kirche verbleibt, startet je eine
Fußgruppe auf dem Bresserplatz, dem „weltlichen“ Mittelpunkt des Ortes
(Kirmesplatz), und am Gedenkstein für das Kriegsgefangenenlager, außerhalb
Wickrathbergs.
zum Seitenanfang
Das Erinnerungsmal an
das Kriegsgefangenenlager
Mit dem
PKW ist das Dorf über die Abfahrt Nr.14 der A61 zu erreichen, mit der Deutschen
Bahn AG über den Bahnhof Wickrath ohne direkten Busanschluss, von
Rheydt-Hauptbahnhof aus mit der Linie 006, die übrigens am Wickrather Markt
vorbeifährt. Der Bus hält vor der Kirche. Für einen
Gang durch den Ort ist es empfehlenswert, am Mahnmal für das
Kriegsgefangenenlager am Hochneukirchener Weg, südöstlich der Kirche zu
beginnen. Das Erinnerungsmal befindet sich gegenüber der Firma Hirsch & Junge.
Nach akribischen Recherchen von Herbert Reiners muss die ursprüngliche Annahme
von 150.000 deutschen Gefangenen nach unten revidiert werden. Der „Findling der
Erinnerung“ befindet sich am westlichen Rand des ehemaligen Lagers, das sich,
vereinfacht gesagt, im Dreieck zwischen Güdderath, Hochneukirch und Wickrathberg
befand. Die Gefangenen lebten unter erbärmlichen Bedingungen in Erdlöchern,
viele starben an den Folgen der überaus harten Existenzumständen. Soweit es
in ihren Kräften stand, halfen Menschen aus der ganzen Region, das Los der
Gefangenen zu lindern. Manch einer warf an einer geeigneten Stelle ein kleines
Lebensmittelpäckchen über den Zaun. Insbesondere auswärtige Besucher
orientierten sich vorab vom Wickrathberger Kirchturm aus. Der kürzlich
verstorbene Pfarrerssohn Gert Lüderitz hat als Neunjähriger viele Angehörige auf
den Kirchturm begleitet. Zwei Schallblenden des Turms waren entfernt worden, um
einen besseren Überblick zu haben. zum Seitenanfang
Der Ort des heiligen Nikolaus
Der Blick
vom Neukircher Weg oder von der Landstraße aus Richtung Wanlo auf die Chorseite
der Kirche fasziniert durch den Gesamteindruck, zu dem nicht zuletzt die
Backsteinstützmauern, die die Kirche umgeben, beitragen. Soweit der mitunter
rasante Autoverkehr es zulässt, sollte man einen Fußweg mit den sich schnell
wandelnden Perspektiven genießen. Vor 800
Jahren erkor man passend zur Jahrhunderte anhaltende Vitalität der Niers den
kanonisierten Bischof von Myra, Nikolaus (gest. um 350) , zum Schutzheiligen
gegen Hochwassergefahr. Ein geradezu ökumenisches Patronatsgedächtnis hält bis
auf den heutigen Tag der Wickrathberger Dorf- und Heimatverein aufrecht, indem
er die Kinder des Ortes zum Nikolaustag beschenkt. Das ist insofern
bemerkenswert, als nicht nur zwei der drei letzten Vorsitzenden des Vereins
evangelischen Theologenfamilien entstammen, sondern die konfessionelle
Differenzierung auf engstem Raum die Geschichte der ehemaligen
Reichsherrlichkeit Wickrath (bis 1794) jahrhundertelang geprägt hat. Seit dem
16. Jahrhundert werden auf dem "Wickrather Berge" evangelische Gottesdienste
gefeiert. zum Seitenanfang
Die katholische Geschichte

Aus der
ca. 500-jährigen „katholischen“ Geschichte der Kirche ist relativ wenig bekannt.
Deutlich sichtbar sind bis heute Reste des aus Tuffstein gebauten Chors zu
erkennen. Kleine Rundbogenfriese verweisen auf spätromanische Stileinflüsse. Im
15. Jahrhundert erhöhte man die Kirche und integrierte einen Teil des älteren
Mauerwerks. Dieses stammt aus dem 13. Jahrhundert, eventuell „... gar noch von
der ersten Saalkirche des 11. Jahrhunderts.“ Schon 1897 hob P. Clemen die „...
in den Ecken auf kleinen, hockenden Figürchen als Konsolen...“ aufsitzenden
Sternengewölbe des Chors als bemerkenswert hervor. Stilgeschichtlich gehört der
Chor mit seinen vorgezogenen Rippenprofilen in die späte Gotik. Mit der
Neugestaltung des Chores im 15. Jahrhundert schuf man auch zwei Seitenschiffe.
Der Basilikabau aus dem 11. Jahrhundert bildete die Grundstruktur für das neue
Mittelschiff. Als Baumaterial griff man auf Feldbrand- und Tuffziegel sowie auf
Trachytquader zurück. Vermutungen gehen dahin, dass man sich auch der Überreste
vergangener Epochen bediente. Überörtliches Aufsehen erregten Funde eines
Gräberfeldes mit Baumsärgen und alten Pfostensteinen, als 1965 bei der Verlegung
eines neuen Fußbodens Überbleibsel ans Tageslicht kamen, die bis in die Epoche
der Bandkeramik (ca. 2000 v. Chr.) zurückreichen. Die Pfostensteine könnten als
Basis einer Holzkirche gedient haben, die dann, vielleicht um 1050, von einer
Basilika, also einer Saalkirche, „abgelöst“ worden ist
zum
Seitenanfang
Vorchristliche Spuren
Mesolithische Siedlungsplätze liegen längs der Niers bei Wickrathberg. Auch an
der Straße Wanlo-Hochneukirch und südöstlich des Autobahnkreuzes Wanlo sind
Spuren entdeckt worden. Ein mit über 1000 Fundstücken bedeutender Siedlungsplatz
hat südlich von Wickrathberg bestanden. Für die eisenzeitlichen Siedlungsspuren
im Stadtbezirk Wickrath liegt ebenfalls eine Konzentration auf die Orte
Wickrathberg und Wanlo vor. Trümmerstellen aus dem römisch geprägten zweiten und
dritten Jahrhundert sowie eine "villa rustica" ist ebenfalls für Wickrathberg
erwiesen. Eine pollenanalytische Untersuchung belegt, dass Wickrathberg seither
lückenlos besiedelt war. zum Seitenanfang
Der Kirchhof war der Friedhof
Bis 1820
wurden Teile des Kirchplatzes (Raum um den Chor nach rechts bis zum Ehrenmal auf
dem Kirchhügel) sowie nach links bis zum (heutigen) alten Pfarrhaus als
Begräbnisstätte genutzt. Auch in der Kirche selbst sind früher Beerdigungen
vorgenommen worden. Wilhem Rheinen, von 1890 bis 1924 Hauptlehrer an der
Wickrathberger Volksschule, berichtet als Zeitzeuge davon, wie bei Umbauarbeiten
des Jahres 1902 mehrere Grabsteine aus der Kirche ausgehoben worden sind. „Von
diesen war nur einer gut erhalten, nämlich der der Frau des Rentmeisters Martin
Coenen, die am 26. Dezember 1670 in Wickrath gestorben war. Dieser Stein ist
nachher neben der Tür links vom Turm wieder eingemauert worden.“
zum Seitenanfang
Wickrathberger Rokoko und
Teschemacher Orgel

Im 18.
Jahrhundert musste die Kirche generalüberholt werden. Der alte Turm wurde
abgetragen und der erneuerte wurde am 4. Dezember 1768 offiziell der Gemeinde
übergeben. Im folgenden Jahr wurden die Mauern des Chores und die Grundmauern
der Seitenschiffe sowie das Dach erneuert. 1770 erhielt die Kirche ihre bis
heute prägende Rokokoverzierung, über die K.E. Krämer vor einigen Jahren ins
Schwärmen geriet: „Kanzel, Orgel, Presbyterbank und die gräfliche Patronatsloge,
Grafenstuhl genannt, bilden eine Einheit, die sich mit keiner anderen am
Niederrhein vergleichen läßt, weil sie zurecht als Rokokowunder bezeichnet
wird.“ Im selben
Jahr wurde die bestellte Teschemacher Orgel fertig. Jakob Engelbert Teschemacher
(1711-1782) hatte seine Werkstatt in Elberfeld (Wuppertal). Ein Biograph
kennzeichnet ihn als der Bewegung der Empfindsamkeit nahestehenden Menschen.
1774 traf er in der berühmten heimlichen Gemeinde u.a. mit Jung-Stilling,
Jakobi, Goethe und Terstegen zusammen. Deren Geist entsprechend ist der Klang
einer Teschemacher Orgel auf das innere Ohr gerichtet. Die Register Flauto
traverso 4' und die Diskantstimmen Violine und Unda maris gehen auf Teschemacher
zurück. Von seiner Vorgängergeneration übernahm er die Register: Principale,
Mixtur, Bordun, Quintade, Sesquialter, Cornett und Zungen. Bei
Erneuerungsarbeiten an der Orgel in den 80-er Jahren unseres Jahrhunderts
bemühte sich das Presbyterium darum, dem Klangkörper sein introvertierendes
Gepräge wiederzugeben. Die Firma Fischer aus Rommerskirchen erhielt die Aufgabe,
für 206.055,- DM die Orgel dem Originalklang anzupassen. Reparaturarbeiten der
Jahre 1891 und 1953 hatten, so das Orgel- und Glockenamt der Evangelischen
Kirche im Rheinland, „...der neuesten technischen Entwicklung Tribut gezollt...“
und den Teschemacher-Klang verfremdet. Heute kann man sich von dem Wohlklang des
außerordentlichen Instruments in Gottesdiensten und kirchenmusikalischen
Veranstaltungen überzeugen. zum Seitenanfang
Der Grafenstuhl der Familie Quadt-Wickrath

Fast jeder
Besucher macht vor dem Grafenstuhl Halt, wo das Wappen der bis 1794 regierenden
Familie Quadt-Wickrath zu sehen ist. Von zwei Bären flankiert, sieht man im
Herzschild zwei Wechselzinnenbalken (Quadt), links oben einen Adler (Wickrath),
darunter das Wappen der Herrschaft Loenen (Gelderland), rechts oben erblickt man
das Wappen der Herrschaft Wildenborch (Gelderland), darunter das Wappen von
Schwanenberg; im Schildfuß befinden sich die Schlüssel des Geldrischen
Erbhofmeisteramtes. 1502
bestätigte Kaiser Maximilian in einem Lehnsbrief der Familie von Quadt die
Herrschaft über Wickrath. 1491 hatte Heinrich von Hompesch, dessen Ehe mit
Sophia von Burscheid, Witwe des Wilhelm von Quadt und sechsfache Mutter,
kinderlos blieb, das Kloster der Kreuzherren zu Wickrath gestiftet. (Ein Teil
der ehemaligen Klosteranlage oberhalb des Wickrather Marktplatzes ist erhalten.)
Aus dem zweifachen Erbe des Heinrich von Hompesch, der Herrschaft zu Wickrath
und dem Kreuzherrenkloster, entstand ein konfessioneller Dualismus, als die
Herren von Quadt sich zum evangelischen Glauben bekannten. Den Prioren des
Klosters gelang der Erhalt der katholischen Konfession in Wickrath-Ort und den
meisten umliegenden Dörfern. Wickrathberg, Beckrath und Herrath wurden
evangelisch. zum Seitenanfang
Das Evangelische in Wickrathberg
1656
schätzte der Prior des Kreuzherrnklosters, Gerhard Glaas (er wirkte zugleich
als Pastor) den Wickrathberger Konfessionsstand folgendermaßen ein: „Ich weiß ..
für gewiß, daß vor dem Jahr unseres Herren 1529 zu Berg anders kein Gottesdienst
gewesen als römisch-katholischer, wie der Zeit auch ein römisch-katholischer
Pastor gewesen, welches mit authentischen Schriften, wenn's nötig wird sein,
kann bewiesen werden." Seit 1637
verfügte die Wickrathberger Kirche über eine Galerie. Die Evangelischen aus
Odenkirchen, Neuwkirchen (Hochneukirch) und Dahlen (heute Rheindahlen) waren an
ihren Heimatorten von der Gegenreformation bedrängt. Sie feierten über
Jahrzehnte die Gottesdienste gemeinsam mit der Wickrathberger Gemeinde. In ihr
bekennt man sich seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zum reformierten
Bekenntnis, was aus der allmählichen Einführung des Heidelberger Katechismus
deutlich wird. Pastor Dederich Quadt von Kinkelbach (1575 bis 1590) war
reformierter Christ. 1677 umfasste die reformierte Gemeinde Wickrathberg, die
sich territorial auf die Gebiete der Herrschaft Wickrath - bis auf Schwanenberg
- sowie Wanlo und Venrath erstreckte, 383 Mitglieder. Streng
puritanisch lebte man auf den drei Dörfern wahrscheinlich nie. Im Kirchdorf
Wickrathberg ist seit 1801 ein eintägiger Jahrmarkt bezeugt.
zum Seitenanfang
Protestanten -
Katholiken - Juden - Menoniten
Die
Formel, Wickrath ist katholisch bis auf die drei reformierten Dörfer
Wickrathberg, Beckrath und Herrath, ist übrigens ungenau. Wickrathberg selbst
wies bis zur terroristischen Zerstörung im November 1938 eine Synagoge auf, die
Hilde Sherman („Zwischen Tag und Dunkel“, 1984) als "Schmuckkästlein"
bezeichnet. 1816 hat es sogar zwei jüdische Bethäuser in Wickrathberg gegeben.
1818 lebten in Ort 57 Juden, 41 im evangelischen Nachbarort Beckrath. 1934
wohnten noch je 12 Juden in Beckrath und Wickrathberg.Heute
erinnert eine von zwei relativ mächtigen Betonblumenkübeln umrahmte bescheidene
Bodenplakette aus Bronze vor dem Haus Berger Dorfstraße 27 an die 1814
errichtete Synagoge. Die Plakette stammt von Bonifatius Stirnberg und trägt die
Umschrift: "Zur Erinnerung an die zerstörte Synagoge". Die Menorah, der
siebenarmige Leuchter, prägt die Bronzearbeit als Relief. Wie groß
die mennonitische Gemeinde in der Herrschaft Wickrath war, ist nicht bekannt.
Doch zahlten sie im 17. Jahrhundert jährlich 24 Reichstaler Befreiungsgeld. 1694
wurden sie auf Intervention des Herzogs von Jülich-Berg - bei einer Ausnahme -
vertrieben. 1721 wurden zwei Mennoniten in Wickrathberg getauft.
zum Seitenanfang
Nicht nur die Lateinschule
Spielten
Mennoniten und Juden nacheinander im gewerblichen Bereich des 17. bis ins 20.
Jahrhundert eine Rolle,
so überließen diese Minderheitengruppen das organisierte Bildungswesen fast ganz
der etablierten katholischen und der sich mehr und mehr Respekt verschaffenden
reformierten Konfession. Entgegen dem On-dit von der größeren Buchstabennähe der
Protestanten begannen die Katholiken mit der institutionalisierten
Allgemeinbildung. Seit 1560 bestand bei den Wickrather Kreuzherren eine
Klosterschule. Sie erlangte durch Johannes Buchlerus, der von 1611 bis zu seinem
Tod 1623 auch Vogt der Herrschaften Wickrath und Schwanenberg war, überregionale
Bedeutung. Der spätere Kölner Generalvikar Johannes Gelenius gehörte zu den
Schülern Buchlerus'. 1654
gründete Johannes Eilbracht in Wickrathberg eine Lateinschule, die bis 1886
bestand (Berger Dorfstraße 46). Zu den Gottesdiensten betraten die Schüler die
Kirche durch die Tür rechts vom Hauptportal, wodurch sie einen bequemen Weg von
ihrem Schulgebäude hatten. Sie wurde deshalb lange Zeit die "lateinische
Schultür" genannt. Pastor
Johannes Eilbracht (1630 bis 1677) hinterließ in einem Rentenbuch seine
"Philosophie" zur Schulfinanzierung: "Lateinische Schuel zu Berg, welche mit der
Hülfe Gottes des Allmächtigen und Consent des wohlgeborenen Herrn Wilhelm
Thomas, Freiherrn von Quadt zu Wickrath und Niederhemert, Herrn zu Dellwynen,
Erbdrost und Erbhofmeister des Fürstentums Geldern und der Grafschaft Zutphen,
angeordnet durch mich Johannem Eilbracht, Pastoren daselbst. Anno 1654, am 19.
Novembris." 1819
wurden 40 bis 50 Knaben unterrichtet. Pastor Eberhard Zillessen (1773-1844)
führte sie nach einer Schließung in der Franzosenzeit (1808-1812) zu einem viel
beachteten Standard. Im 18. Jahrhundert hatte die Schule bewusst auf das Studium
an der reformiert geprägten Universität Duisburg vorbereitet. Gegen Ende des 19.
Jahrhunderts hatte der Ausbau des höheren Schulwesens der Wickrathberger Anstalt
die Grundlage entzogen. Auch die
Wickrathberger Elementarschule genoss über Jahrhunderte einen guten Ruf.
Zwischen 1644 und 1650 unterrichtete dort ein bemerkenswerter Lehrer, Johann
Philipp Reyger. Er stammte aus der Pfalz. Freiherr Thomas von Quadt legte Wert
auf eine Grundbildung für alle. Deswegen schenkte der Landesherr der Schule
einen größeren Garten, durch den der jeweilige Lehrer, der zugleich Küster war,
einen Ausgleich für die unentgeltlich zu unterrichtenden ärmeren Kindern
erhielt. Die spätere Wickrathberger Lehrerin Luise Förster, die als Autorin
unter dem Künstlernamen Ada Linden firmierte, genoss vor dem Ersten Weltkrieg
einen regionalen Ruf. Ihre Bücher waren sogar im ganzen Reich verbreitet. Sie
hat die dörfliche Schönheit und menschliche Geborgenheit, die sie empfunden und
erlebt hat, in ihr Werk einfließen lassen. Am deutlichsten kommt dies in ihrem
Roman „Wie ich das Glück suchte“ (Leipzig, 1905) zum Ausdruck. Nicht alle
Wickrathberger Lehrer brachten es zu Berühmtheit, aber Wolfgang Löhr hat eine
Reihe bemerkenswerter Spuren entdeckt. So berichtet er von Johannes Schmitz, der
von 1736 bis 1771 in Wickrathberg Dienst tat, um das Amt dann seinem
Schwiegersohn Johann Wilhelm vom Stein aus Düren zu übergeben. vom Stein war ein
berühmter Mathematiker, sonst wäre er nicht Mitglied der Mathematischen
Gesellschaft in Hamburg geworden. Fast 30
Jahre lang war Johann Clemens Schnebel, er starb 1816, in Wickrathberg Lehrer.
Seinen Lehrauftrag kennen wir: „Er solle die Jugend in der Sprache, in Lesen
und Schreiben, in der Heiligen Schrift, im Heidelberger Katechismo, im Beten und
Singen in der öffentlichen Schule, auch privatim im rechnene und in der Musik
fleißig und treu unterweisen.
zum Seitenanfang
Umbauten im 20. Jahrhundert und die Geschichte der Kirchenglocken

1902
erfolgte, einmal mehr in der langen Geschichte unseres Kirchengebäudes, eine
Vergrößerung durch die Verlängerung der Seitenschiffe bis in die Anbauten links
und rechts des Chores. Hinter dem Eingang vor dem Grafenstuhl hatte sich zuvor
ein Raum für die Dienerschaft des Grafen befunden. Der Raum hinter der Kanzel
zur Straße hin hatte im Laufe der Geschichte als Sakristei, Geräteraum für den
Kirchhofsgärtner, später als Vorratsraum für Kohlen gedient. 1938 wurde die
westliche Außenmauer unter Verwendung alter Feldsteine ausgebessert. 1950
erhielt die Kirche ein neues Hauptfenster. Der kurze Zeit später verstorbene
Pfarrer Werner Lüderitz (von 1930 bis 1951 Pfarrer in Wickrathberg) konnte das
Presbyterium für seine Idee begeistern, das Gemeindesiegel in eine Glasarbeit
umzusetzen. Ein Menschenherz mit einem Anker und der Unterschrift, "Unseres
Herzens Hoffnung ist Christus", leuchtet dem durch das Hauptportal
Hinausgehenden entgegen. 1951
erhielt die Gemeinde Wickrathberg die größere ihrer seit 1678 zwei Glocken
zurück. (Damals nahmen "Münstersche Soldaten" die dritte mit.) Zwischen 1943 und
1951 befand sich die auf den Ton es gestimmte Glocke in der Rheydter
Hauptkirche. Nur durch einen „Deal", bei dem Rheydt eine andere Glocke für
Kriegszwecke opferte, konnte das 500 Jahre alte Traditionsgut erhalten und
schließlich wieder ausgelöst werden. Der Glockendurchmesser beträgt 130 cm,
auf dem Läutinstrument befindet sich ein Marienbild mit der Überschrift: "Sancta
Maria, ora pro nobis" (Heilige Maria, bitte für uns). Beide Glocken stammen aus
dem Jahr 1449 und wurden von dem Glockengießer Johann von Venlo hergestellt.
zum Seitenanfang
Das Kernensemble des Dorfes
Der
Kirchplatz mit Kirche, Ehrenmal, Küsterhaus und altem Pfarrhaus (von 1895)
bilden ein Ensemble, das weitgehend von einer Mauer umgeben und von der
Dorfstraße über eine Auffahrt und eine Treppe zu erreichen ist. Östlich
der Kirche (Am Pastorat 8) verweist eine Inschrift auf das Jahr 1782 als
Entstehungsjahr eines Fachwerkgebäudes, das an die landwirtschaftliche Tradition
des Ortes erinnert. Schräg
gegenüber der Kirche baute seit 1880 Eduard Schmidt eine Kaffeerösterei auf
(Berger Dorfstraße 52/54). Die Fa. Schmidt erhielt Rohkaffee aus Bremen und
röstete das Vorprodukt für die Kundschaft. Bereits 1887 meldete die Rheydter
Zeitung: „Erster Preis für Ed. Schmidt".
Unter dem Protektorat der Königin Carola von Sachsen hatte vom 27. bis zum 31.1.
1887 eine internationale Ausstellung für Volksernährung und Kochkunst in Leipzig
stattgefunden. Die Wickrathberger Kaffeerösterei Eduard Schmidt erhielt den
höchsten Preis für die Qualität des Kaffees. Schon früher hatte die Firma auf
Ausstellungen in Gelsenkirchen und Köln besondere Prädikate erhalten. Die
„Offizielle Ausstellungszeitung" betonte: „In künstlerischer Zusammenstellung,
aus rohen und gebrannten Bohnen führt Herr Schmidt u.a. das Leipziger Wappen und
das der Bäckerei und Conditorei wie ein Monogramm nebst dem Symbole des Handels
dem überraschten Beschauer vor Augen. Es ist dem Besucher ein getreues Bild der
Caffeeproduktion aller Länder geboten, und wie nebenbei sind auch grüne und
arabische Caffeestauden und Bäumchen ausgestellt.“ Zu diesem
Zeitpunkt war die Firma sieben Jahre alt. Kaffee war damals auf dem Lande noch
relativ unbekannt, wurde allerdings schnell zu einem unersetzbaren Bestandteil
der nachmittäglichen „Kaffeestunde". Eduard Schmidt starb am 19.12. 1928,
87-jährig. Mit ihm trat eine profilierte Persönlichkeit ab, die dazu beigetragen
hatte, die traditionelle landwirtschaftliche Prägung einschließlich Lohnweberei
im Verlagssystem gewerblich zu erweitern. Eduard Schmidt ließ sich wiederholt
für Ehrenämter ansprechen: erster Beigeordneter - in dieser Funktion amtierender
Bürgermeister während des Ersten Weltkriegs - langjähriger Kirchmeister in der
ev. Gemeinde sowie Schiedsmann. Man lobte sein zuvorkommendes Wesen und pries
ihn als Wohltäter der Armen. Die Mitarbeiter lohnten ihrem Prinzipal sein
Verhalten durch Treue. „Dienstjubiläen" gestalteten sich zu großen
Familienfeiern. „Froher Becherklang, Gesänge und Musikvorträge“ umrahmten dann
das Programm.Im ersten
Drittel des Jahrhunderts konnte die Firma Schmidt durchaus mit der später
bekannteren Kaffeerösterei Kaiser's aus Viersen konkurrieren. Nur die durch
Erker geprägte, reich verzierte Fassade im Stil des Historismus erinnert noch an
den Glanz vergangener Tage. Gleich
unterhalb der Kirche befindet sich die Kanzlei des Patentanwaltes Dr. Ulrich
Beines. (Berger Dorfstraße 35) Beines ist ein Urenkel von Friedrich Wilhelm
Barten, der 1871 die „Mechanische Weberei, Zwirnerei und Appretur F.W. Barten“
gegründet hat. Der Unternehmer hatte 14 Kinder und engagierte sich in der
evangelischen Kirchengemeinde als Kirchmeister und in der Kommunalgemeinde
Wickrath als Gemeinderat. Auf Grund veränderter Weltmarktbedingungen
liquidierten die Nachfahren des Prinzipals 1960 die Firma. Die Kanzlei (seit
1992) erfüllt ein Baudenkmal mit Leben, dessen heutiges Aussehen in den Jahren
1904 bis 1907 geprägt worden ist. Die Treppenhausfenster sind mit viel
Engagement des Besitzes als Zeugnisse des Jugendstils restauriert worden.
zum Seitenanfang
Die Wickrathberger Mühle
Von der
Kanzlei aus geht man weiter die Dorfstraße hinunter, über die Bodenplakette zur
Erinnerung an die zerstörte Synagoge bis zu dem auf der gleichen Seite liegenden
Bresserplatz (im Straßenknick), überquert die Dorfstraße und biegt beim
ehemaligen Blumengeschäft Schrey in die Niersstraße ein. Nach ca. 150 Metern erreicht man
das am meisten beeindruckende Haus des Wickrathberger Unterdorfes. Im
topographischen Sinn bildet es den Abschluss des Dorfes, selbst wenn die
Erschließung neuerer Wohnstraßen das Dorf über den Umkreis zwischen
Hochneukircher Weg und Niersbrücke erweitert haben. Wie für
die meisten Mühlen an der Niers wurde seit dem Spätmittelalter ein
unterschlächtiges Mühlrad genutzt. Bis 1794 wurde die Mühle als „Bannmühle"
betrieben, „...in denen aufgrund des herrschaftlichen Malhlmonopols die Bauern
mahlen lassen mußten.“ Nach der sog Franzosenzeit (1794 bis 1815) wurde die
Mühle in Zeit- und Erbpacht vergeben. 1929 hob der Niersverband die Mühlenstaus
auf, in den 50-er Jahren wurde der Mahlbetrieb eingestellt. Heute wird
das gut restaurierte Ensemble (ohne Mühlrad) als Wohnhaus mit Atriumcharakter
von den Besitzern und mehreren Mietern genutzt. Zur Straße hin beeindruckt die
streng symmetrische Gliederung der Hausseite mit zehn Achsen natursteingerahmter
Stichbogenfenster, die Tordurchfahrt ist mittig angeordnet.
zum Seitenanfang
Lebendige Erinnerung
Die
Besitzerin der Mühle, Frau Sessinghaus, kann sich noch an die im Februar 1945
gegen vorrückende Amerikaner geführte Scharmützel erinnern. Im Sinne der noch
gültigen offiziellen Verteidigungsstrategie sollten Niersbrücke und Mühle
gehalten werden. Die Quittung der überlegenen Amerikanischen Einheit bekamen die
Verteidiger in Form einer erheblichen Zerstörung. Heute ist
selbstverständlich auch wieder der Hohlweg nach Beckrath, mittlerweile als
schmale Straße ausgebaut, passierbar. Genauso
wie die Gemeinde die Erinnerung an das Kriegsgefangenenlager in ihre mobile Buß-
und Bettagsliturgie berücksichtigt, wäre auch ein Start der zweiten Fußtruppe
unterhalb des Bresserplatzes, und zwar an der so schön restaurierten Niersmühle
möglich. Bekanntlich ist das Geheimnis der Versöhnung die Erinnerung - für
Evangelische, Katholiken, Juden, Mennoniten, Deutsche und Ausländer. Die Mühle
erinnert zugleich an gute und schlechte, an kriegerische und friedliche Zeiten.
Nicht alles Erwähnenswerte in Wickrathberg wird durch steinerne Zeugnisse
nachvollziehbar. Exemplarisch sei am Schluss auf ein seit Jahren reges
bürgerschaftliches Engagement für die Kinder aus dem Umkreis von Tschernobyl
verwiesen. zum Seitenanfang
Literaturhinweise:
W. Löhr, Loca desiderata, Bd. II,
Mönchengladbach, 1999
M. Marx, Wickrath 1900 bis 1974,
Mönchengladbach, 1996
H. Reiners, Kriegsgefangenenlager Wickrathberg
1945, Mönchengladbach, 1998
H. Sherman, Zwischen Tag
und Dunkel, Berlin, 1984
|