Auf ein Wort

Liebe Gemeinde!

„Wäre Christus tausendmal zu Bethlehem geboren, doch nicht in dir: Du bliebst noch ewiglich verloren.“
Dieser Reim des schlesischen Lyrikers Angelus Silesius (1624-1677) ist eines der faszinierendsten Worte zur Weihnachtszeit, das ich kenne. Jedes Jahr bringt es mich zum Nachdenken. So will ich meine Gedanken dazu in dieser Ausgabe der Gemeindethemen einmal kundtun. Viele kennen wohl dieses Wort - aber wer kennt den Dichter?
Angelus Silesius heißt eigentlich Johannes Scheffler. Er wurde 1624 in Breslau geboren. Später nannte man ihn Angelus Silesius, lateinisch: „Schlesischer Bote.“ Bereits in seiner Schulzeit verfasste er erste Gedichte auf Latein. Nach seinem Studium der Medizin und des Staatsrechts in Straßburg, Leiden und Padua promovierte er 1648 zum Doktor der Medizin und der Philosophie. Ein Jahr später wurde er Leibarzt beim Herzogs von Oels. 1653 trat er vom evangelischen zum katholischen Glauben über. Hauptmotiv für seine Konversion war seine Beschäftigung mit der christlichen Mystik, die ihn sehr ansprach. 1654 wurde er Hofarzt des Kaisers Ferdinand III. 1661 weihte man ihn sogar zum Priester. Seine letzten Jahre verlebte er zurückgezogen als Arzt für Arme und Kranke im Breslauer Matthias-Stift, wo er 1677 schließlich verstarb. Zeit seines Lebens verfasste er Gedichte und Lieder. Zu seinen Hauptwerken gehört sicher der „Cherubinische Wandersmann.“
Soweit das Leben des Angelus Silesius.
Was meint wohl der Dichter mit unserem Reim? Tausendmal könnte Christus in Bethlehem geboren werden, wenn er nicht in uns geboren wird, wäre alles umsonst, ja dann wären wir trotzdem verloren. Silesius erklärt, dass die Geburt Jesu ein normales Datum sein kann wie etwa die Geburt Caesars oder Napoleons. Man kann es einfach zur Kenntnis nehmen und dann hat es sich. Der Geburtstag Caesars ist ja ganz interessant, aber mein persönliches Leben berührt es nicht unbedingt, außer, wenn ich mich mit Geschichte oder Latein beschäftige. Genauso kann ich den Geburtstag Jesu als ein normales Datum der Weltgeschichte betrachten. Oder aber es gewinnt Bedeutung für mich. Silesius hebt hervor, dass Christus in mir geboren werden muss, d.h. dass Jesus jemand ist, der mich betrifft, berührt und bewegt. Der mein Leben total verändert, dass er zu meinem Lebensinhalt wird. Jesus ist dann nicht mehr ein x-beliebiger Mensch der Weltgeschichte, sondern wird mein Retter, Heiland und Erlöser. Wenn dieser Christus mich unbedingt angeht, wenn er mich fasziniert und wichtig für mein Leben wird, dann wird er in mir geboren. Dann gewinnt der kleine Ort Bethlehem plötzlich eine eminente Bedeutung für mich. Dann wird der 24. Dezember zu einem entscheidenden Datum in meinem Leben, das ich niemals vergessen werde.
Es kommt also darauf an, wie ich zu Jesus stehe. Ich kann mich distanziert zu ihm verhalten oder ihn fest in mein Herz schließen, so wird er zu einem Schatz, den ich nicht mehr missen will.
Wichtig ist nun, wie ich zu mir selber stehe. Der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal sagte einmal: „Die Ursache der menschlichen Misere liegt darin, dass es keiner mehr mit sich allein in seinem Zimmer aushält.“ Der Mensch fängt dann an, lieber auf anderes zu schauen, statt auf sich selber. Dabei gibt es bestimmt viele Schätze in uns zu heben. Sie wollen nur entdeckt werden. Wie in folgender Geschichte.
Rabbi Eisik träumt, er müsse nach Prag zur Karlsbrücke gehen. Dort würde er einen großen Schatz finden. Eisik schiebt den Traum beiseite, aber immer wieder kommt er im Schlaf zurück. Schließlich überredet ihn seine Frau, doch zu gehen. Schaden könne es ja nicht. In Prag angekommen, begibt er sich zur Brücke. Die aber ist schwer bewacht. An Grabungen nach dem Schatz ist nicht zu denken. Ein Paar Tage geht Rabbi Eisik auf der Brücke hin und her. Schließlich fällt er dem Hauptmann der Wache auf. Der fragt ihn, was er denn immer hier wolle. Der Rabbi erzählt von seinem Traum, und der Hauptmann grinst immer breiter. „Einen Schatz? Hier? Das ich nicht lache. Wenn ich deinen Träumen folgen würde, dann hätte ich schon längst in ein kleines Dorf gehen und bei einem Rabbi Eisik unter dem Ofen graben müssen und dort einen längst vergessenen Schatz heben! Das träume ich seit Tagen, aber ich bin doch nicht so verrückt, wegen eines Traumes loszugehen!“ Der Rabbi bedankt sich höflich, kehrt so schnell wie möglich nach Hause zurück und gräbt den Schatz aus. Von ihm können er und seine Frau leben, den Kindern viel vererben und sogar ein Bethaus bauen.
Ich wünsche uns, dass wir diese Advents- und Weihnachtszeit nutzen, um die Schätze in uns zu entdecken und zu heben. Vor allem wünsche ich uns, dass wir die Geburt Jesu mit neuen Augen sehen, damit sie zu einem echten Ereignis in unserem Leben wird. Denn in unseren Herzen will Christus geboren werden und er will uns mit großer Freude erfüllen – auch über die Weihnachtstage hinaus.

Ihr Pfarrer Martin Gohlke

 

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